• Radio sollte seine Potenziale noch mehr nutzen
    Zum zweiten Mal hat das Medieninnovationszentrum Babelsberg (MIZ) als Einrichtung der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb) am 6. Oktober 2017 den MIZ Radio Innovation Day veranstaltet. Innovationspotenziale des deutschen Radiomarkts, StĂ€rken und SchwĂ€chen des Systems wurden thematisiert und mögliche Strategien fĂŒr die Zukunft des Radios aufgezeigt. „Das digitale Zeitalter bietet viele Möglichkeiten fĂŒr Produzenten von Audioinhalten. Der Radio Innovation Day gibt Orientierung und vor allem Raum zur Diskussion“, so mabb-Direktorin Dr. Anja Zimmer. „Ich freue mich, dass so viele Radiosender die Chancen der Digitalisierung sehen und ergreifen. Dies ist gut fĂŒr die Medienvielfalt.“ Stefan Westphal, Leiter des MIZ-Babelsberg, ergĂ€nzt: „Mit dem MIZ Radio Innovation Day möchten wir DenkanstĂ¶ĂŸe geben und mit den Förderprogrammen des MIZ können wir gemeinsam mit den MedienhĂ€usern oder Medienschaffenden Innovationen RealitĂ€t werden lassen.“

    Speaker und Teilnehmer des MIZ Radio Innovation Day 2017 waren sich einig: Wir erleben eine Renaissance des Hörens. Egal ob im Auto, ĂŒber Smartphones, Tablets oder intelligente Boxensysteme, die Nutzungsmöglichkeiten fĂŒr Audioinhalte werden immer grĂ¶ĂŸer. Damit steigen gleichzeitig die Anforderungen an Programmmacher und Nutzer. Denn die Auffindbarkeit von Audioinhalten ĂŒber Suchmaschinen wie Google ist bisher noch nicht gewĂ€hrleistet. Jan Schulte-Kellinghaus, Programmdirektor des Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb), forderte im Rahmen der Eröffnung des MIZ Radio Innovation Day eine Worterkennung fĂŒr Audioinhalte.

    Medienvielfalt und Reichweite sichern und auffindbar sein – In gut recherchierte Inhalte investieren, Influencer ins Programm einbinden, neue Formate und Technologien entwickeln
    Zu Beginn der eintĂ€gigen Konferenz gaben Radioexperten in kompakten ImpulsvortrĂ€gen Einblick in aktuelle Themen der Branche: Journalist Viktor Worms appellierte an die Programmverantwortlichen, sich nicht in eine TechnikabhĂ€ngigkeit zu begeben und in Inhalte und Personalities zu investieren. Andreas Frutinger, Programmmanager bei 93.6 JAM FM, zeigte am Beispiel der Lukas-Rieger-Radioshow wie die Reichweite von Influencern im Radio genutzt werden kann. Und Volker DĂŒspohl, Leiter der Online-Redaktion von radioeins, stellte die EinflĂŒsse des amerikanischen True-Crime-Podcasts Serial auf Podcast-Serien von radioeins vor. Thomas Grandoch, Leiter des Digital Media Hub, prĂ€sentierte das Projekt Audio Newsbase. VerlĂ€ssliche, gut recherchierte Wortinhalte seien auch fĂŒr private Radiosender ein wichtiger Bestandteil im Programm, so Grandoch. Musik allein sei fĂŒr Radio kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Thomas Mosch von streamABC stellte eine Technologie vor, mit der Hörer im Radiostream vorwĂ€rts und rĂŒckwĂ€rts „spulen“ können. Dadurch ist es z. B. möglich, unliebsame Songtitel zu ĂŒberspringen, eine Funktion, die neue Zielgruppen erschließen soll.

    In der ersten Podiumsdiskussion sprachen Dr. Nicola Balkenhol (Leitung Multimedia und Online, Deutschlandradio), Bernhard Bahners (GeschĂ€ftsfĂŒhrer, radio.de), Gert Zimmer (GeschĂ€ftsfĂŒhrer, RTL Radio Deutschland) und Stefan Westphal (MIZ) mit Moderatorin Sonja Koppitz ĂŒber Herausforderungen digitaler GeschĂ€ftsmodelle. Die Podiumsteilnehmer waren sich einig, dass alle Radiosender vor strategischen Herausforderungen stehen, die man nur gemeinsam bewĂ€ltigen könne. Die Digitalisierung mache weder vor großen Sendergruppen noch vor einem kleinen Lokalradio halt. Gert Zimmer betonte, dass die Kapitalisierung von Inhalten im Internet nach wie vor ein großes Problem der privaten Radiosender sei. Radio-Aggregatoren wie radio.de seien wichtig fĂŒr die Generierung von Reichweite, Auffindbarkeit und Hoheit ĂŒber eigene Inhalte mĂŒsse aber gewĂ€hrleistet sein. Zudem bedauerte Gert Zimmer, dass sich die öffentlich-rechtlichen Sender aus dem deutschen Radioplayer zurĂŒckziehen (von der ARD inzwischen dementiert, siehe Meldung unten). Private und öffentlich-rechtliche Anbieter mĂŒssten viel mehr kooperieren, denn die Audio-Wettbewerber der Zukunft seien Amazon und Apple.

    Weitere Themen des Radio Innovation Day 2017 waren Podcasts, Big Data und Nachwuchsförderung: Christian Bollert (detektor.fm), Matze Hielscher (Mit VergnĂŒgen), Nicolas Semak (Viertausendhertz) und Podcasting-Expertin Nele Heise diskutierten mit Moderator Dr. Hajo Schumacher ĂŒber die Monetarisierung von Podcasts. Sie hĂ€tten das Potenzial, so die einhellige Meinung, Menschen fĂŒr Hörfunk zu begeistern, die sich vom klassischen Radio verabschiedet haben. Dabei seien Podcasts nicht nur ein neuer Verbreitungsweg, sondern auch ein neues Programm mit eigenen Regeln. Das gelte sowohl fĂŒr die Inhalte als auch fĂŒr die Vermarktung.
    Die Bedeutung von Big Data fĂŒr klassischen Hörfunk und die Vermarktung der Daten diskutierten Armin Braun (TOP Radiovermarktung), Annelie Beer (MAS Partners Market), Frank Nolte (waveads) und Sven RĂŒhlicke (Antenne Bayern) mit Moderator Dr. Lars Peters: Den meisten Radiosendern wĂŒrden mittlerweile sehr viele Daten ihrer Hörer vorliegen, sie mĂŒssten diese Daten allerdings auch richtig interpretieren und nutzen.

    Michael Eger und Dr. Christina Schwind (Promerit AG) stellten Möglichkeiten vor, wie sich Radiosender als attraktive Arbeitgeber fĂŒr junge Talente positionieren können. Die Sender stĂ€nden mittlerweile nicht mehr nur untereinander in Konkurrenz, sondern auch mit branchenfremden Unternehmen, z. B. aus dem IT-Bereich.

    Mona RĂŒbsamen (GeschĂ€ftsfĂŒhrende Gesellschafterin, FluxFM) und Robert Skuppin (Programmchef, radioeins) zogen zum Abschluss der Veranstaltung Bilanz und sprachen mit Dr. Hajo Schumacher ĂŒber die Zukunft der Radiobranche. Robert Skuppin war angesichts disruptiver Technologien und neuer Plattformen optimistisch: Der „Tod des Radios“ wĂŒrde seit Jahrzehnten beschworen. Das Radio sei aber immer noch da. Das lĂ€ge nicht nur am Hörer, der nach wie vor verlĂ€sslich einschalte, sondern auch an neuen innovativen Programmkonzepten. Zudem, davon ist der radioeins-Programmchef ĂŒberzeugt, wĂŒrden richtige Menschen, die live am Mikrofon moderieren, immer relevanter sein als Algorithmen. Mona RĂŒbsamen stimmte zu und ergĂ€nzte, dass es bei dem Überangebot manchmal sehr angenehm sei, einfach einen Knopf zu drĂŒcken und es lĂ€uft etwas, was einem gefĂ€llt. Radio sei inzwischen aber nicht mehr abhĂ€ngig vom GerĂ€t. Programmmacher wĂŒrden mittlerweile verschiedene lineare und On-demand-Angebote fĂŒr unterschiedliche Plattformen und AusgabegerĂ€te produzieren. Die Herausforderung sei eher eine kommunikative, so RĂŒbsamen. www.mabb.de


    Thu, 12. Oct 2017




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